Krankenseelsorge in Japan
Japanisches Zentrum
für Ausbildung und Forschung
in Klinischer Seelsorge

Im Januar 2017

  Grüß Gott Freunde, die Ihr mir zur Seite steht   Seit 10 Jahren stehen Sie mir in meinem Bemühen, die spirituelle Begleitung kranker Menschen in Krankenhäusern in Japan zu gewährleisten, bei. Dafür bin ich einem jedem dankbar. Mir selbst ist die seelische Betreuung von leidenden Mitmenschen seit meinem Eintreffen in Japan vor 61 Jahren zu einem wichtigen Anliegen geworden. Krankenbesuche während der ersten 8 Jahre lehrten mich die Wichtigkeit des Zuhörens. Mir wurde bewusst, dass zwar die Initiative für das Zusammensein von mir und nicht vom kranken Menschen ausging. Ich, als Besucher, bin jedoch kein Fachmann für das Leben und das Leiden mit einer Krankheit. Fachmann ist der Kranke selbst. Er kann es vielleicht nicht artikulieren (wer kann das schon), doch er ist der Experte. Ihn dies in meiner Begegnung mit ihm erfahren zu lassen, ist für mich der Kern der Seelsorge. Er ist wichtig. Er hat etwas zu sagen, auch wenn es keine gesprochenen Worte sind. Stille spricht und sagt oft viel (mehr) als Worte!

Jahreskongress 25-26. Juni 2016 Nagasaki

  Eine weitere Einsicht war für mich, dass ich als Deutscher Japaner nicht zu belehren habe. Sie leben seit 2500 Jahren auf Inseln, die jährlich von Erdbeben und Taifunen, bisweilen von Tsunamis, heimgesucht werden. Alles Erfahrungen, die ich damals (noch) nicht hatte. Dazu kam noch der Superiority Complex, d.h. die Vorstellung, die einzig richtige Auslegung des Anliegens Jesu in der Tasche zu haben. Bis 1965 war die Liturgie-Sprache Latein(!) und mit Protestanten gab es bis dahin kein „Miteinander“. Auf Grund dieser Erkenntnisse ging ich 1971 nochmals zum Studium mit dem Schwerpunkt „Hören“ und „Findung der eigenen Werte“. Beide Themen änderten mein Leben!

  Seit 1976 habe ich um Verständnis für die Notwendigkeit spiritueller Seelsorge in katholischen Krankenanstalten geworben. Dies ist bis heute noch sehr, sehr spärlich ausgeprägt, sowohl unter dem Fachpersonal im Krankenhaus, als auch unter Bischöfen, Priestern und Schwestern. Letztere sind oft der Ansicht, dass sie dies ja alles „schon können“, obwohl sie am Krankenbett meistens reden und kaum verstehend zuhören. Die Vorstellung, für alle Fragen und Probleme eine Antwort zu haben, nach dem Schema: auf ein „A“ folgt ein gelerntes/erlerntes „B“ , steckt tief auch in den geistlichen Helfern. Dies ist nicht ihre Schuld oder Blauäugigkeit, sondern sie sind von klein auf so gedrillt worden: Auf Fragen/Probleme muss man sofort eine passende Antwort parat haben. Eine solche Einstellung behindert natürlich dabei, Neues durch Zuhören selbst zu entdecken. Ich selbst habe lange gebraucht, bis mir das aufging. Bis dahin dachte ich meistens, Geistliche wollen die Notwendigkeit von „Zuhören“ nicht hören bzw. nicht wahrhaben, bis mir dann bewusst wurde, dass bestimmte Fähigkeiten absterben, wenn sie nicht (mehr) gebraucht werden. Meine dies bezügliche eigene Erfahrung mit Mathematik war der Schlüssel für diese Einsicht. Im Gymnasium war Mathematik meine Stärke Nr. 1. Im Philosophie- und Theologiestudium brauchte ich keine Mathematik mehr. Doch in meinen Träumen während dieser Jahre verursachte mir „die nicht mehr gebrauchte Mathematik“ Albträume. Als ich mit 41 Jahren wieder auf der Uni einstieg, war eines der ersten Pflichtfächer „Statistics“. Ich tat mich damit sehr schwer. Doch dies hatte zur Folge, dass die Albträume bezüglich „Mathematik nicht-mehr-können“ aufhörten. Diese Erfahrung war und ist für mich die Erkenntnis, dass nicht gebrauchte Fähigkeiten verkümmern. (N.B. z. Z. addiere ich zur Übung die dreistelligen Autonummern von geparkten oder vorbeifahrenden Autos. )

5 Tagekurs Krankenseelsorge Juli Nagoya140316

  Nun einige Daten zum Jahr 2016. In den vergangenen 12 Monaten durfte ich
6 dreieinhalb-tägige Einkehrtage,
10 fünf-tägige
2 drei-tägige
6 zwei-tägige
5 ein-tägige Kurse in Krankenseelsorge geben.
(Zeit: 9 – 17 Uhr, eintägige und zweitägige Kurse 9:30 – 16:30)
  Dazu einige Vorlesungen, ein Symposium, unseren jährlichen Kongress und die diversen Besprechungen bezüglich unseres Zentrums. Viel Sorge und Anstrengung brachte uns die Tatsache, dass wir 2016 zweimal unser Hauptbüro in Tokyo wechseln mussten(!). (Als freiwillige Vereinigung in Tokyo ein „erschwingliches Büro“ zu bekommen ist eine „Gabe“ bzw. ein großes Glück!)

  Zu all dem kam der „nicht vorgesehene Tod“ des „2. Mannes“ unserer Vereinigung dazu. Er, Mediziner und Absolvent der berühmtesten Universität Japans, schloss sich unserem Vorhaben vor 11 Jahren an und arbeitete ununterbrochen als freiwilliger Helfer, gewöhnlich drei Tage in der Woche. Grund seines Engagements war die Erfahrung seiner eigenen Hilflosigkeit am Sterbebett eines ärztlichen Kollegen. Diese Erfahrung brachte ihn darüber hinaus (wahrscheinlich durch seine Frau, eine Christin) in Verbindung mit Jesus. Er empfing vor seinem Tod die Taufe, die Gemeinschaft mit Jesus dem „Leben“. Sein Sohn und seine Tochter erfüllten ihm seinen letzten Wunsch, nämlich sich wie ihr Vater (und ihre Mutter) mit Jesus zu verbinden. Sie empfingen ebenfalls die Taufe. Als ich ihn zum letzten Mal, als er noch bei Bewusstsein war, besuchte, sagte er: „Ich möchte in einer Umgebung, in der ich geistliche Lieder hören kann, aus dieser Welt gehen.“ Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er durfte seine letzten Tage und Stunden in einem christlichen Hospiz verbringen.

5 Tagekurs Krankenseelsorge Oktober Sendai110314

  Als Letztes möchte ich noch meine Erfahrung mit dem Erdbeben in Südjapan am 14. und 16 April des Jahres anfügen. Erdbeben sind ja mehr oder weniger etwas Übliches in Japan. Bis zum obigem Datum hatte ich keine Angst vor Erdbeben, denn sie waren mehr oder weniger „mild“. Wenn während der Nacht das Bett ein wenig wackelte, empfand ich dies als willkommene Hilfe für meine Verdauungsschwierigkeiten. Seit dem 16. April 2016 hat sich diese Ansicht geändert. Am 16. April nachts von 1 Uhr bis 5 Uhr wackelte es sehr stark in meiner Wohnung. Ich saß die Stunden voller Angst auf dem Bett. Im Schlafzimmer fiel nichts auf den Boden, im Büro einiges. Seither habe ich Helm, Taschenlampe und Schuhe neben meinem Bett bereit stehen. (In Japan trägt man im Haus gewöhnlich nur leichte Slipper. Doch bei Glasschäden reicht das nicht. In einem Raum mit Tatamis hat man außer Socken oder Strümpfen nichts an den Füßen.)

  Für das Jahr 2017 haben wir einen vollen Terminkalender. Wenn Sie uns in unserem Vorhaben unterstützen, bin ich bzw. wir Ihnen sehr dankbar.

  An dieser Stelle möchte ich besonders meinem Freund Herrn Pfr. Anton Durner, Herrn Prof. Dr. Hans Schieser, Frau Ursula Schluckebier, Herrn Clemens Jehle und jetzt besonders Herrn Thile und Frau Susanne Kerkovius danken, dass sie die Verbindung Deutschland-Japan aufrecht erhalten haben.
  Jesus sei Ihnen allen ein treuer Wegbegleiter

  In Dankbarkeit


(Waldemar Kippes)