Krankenseelsorge in Japan
Japanisches Zentrum
für Ausbildung und Forschung
in Klinischer Seelsorge

Haus Maria Frieden zu Gast in Japan August 2008

  Tokyo- Keio-Universität , September 2008, ein Vorlesungssaal im Fachbereich Medizin. Studenten , Krankenschwestern, Ärzte und Universitätslehrer schauen auf eine große Projektionsfläche, auf der ein idyllisches Schwarzwalddorf zu sehen ist- Oberharmersbach- schwer auszusprechen für japanische Zungen. Dann erscheint ein Foto des Hospizes „Haus Maria Frieden“, das seit 18 Jahren in der 0rtenau für viele Aidskranke und Krebskranke zum Zufluchtsort der letzten Lebensphase geworden ist. Fotos aus dem Alltagsleben des Hospizes sind zu sehen- Mitarbeiter und Patienten beim gemeinsamen Essen, beim Feste Feiern, bei der Maltherapie. Hospizleiter Thile Kerkovius steht vor dem japanischen Publikum und berichtet in englischer Sprache vom Konzept des Hauses, spricht über dessen Geschichte , über den Umgang mit den schwer kranken Menschen, über ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte, und er veranschaulicht das mit vielen Beispielen aus der Praxis. Gespannt und aufmerksam folgt das Publikum dem Power-Point-gestützten Vortrag, der zusätzlich ins Japanische übersetzt wird. Am Ende gibt es viele Fragen und einen lebhaften Austausch. Wie kommt es zu diesem Interesse an einem Hospiz aus der badischen Region am anderen Ende der Welt, in Japan ? Thile Kerkovius antwortet so darauf :
  „Vor mehr als zehn Jahren nahm Professor Waldemar Kippes aus Kurume, Japan, Kontakt mit mir auf. Er ist gebürtiger Deutscher, Ordenspriester der Redemptoristen und lebt seit 1956 in Japan, wo er ein vielfältiges Netzwerk der Seelsorge aufgebaut hat. Sein Anliegen ist vor allem die seelische Begleitung sterbender Menschen, die seiner Ansicht nach in dem säkularisierten und hochtechnisierten Land völlig im Argen liegt. Kranke werden zwar medizinisch hervorragend behandelt, ansonsten aber sich selbst überlassen, und die Angehörigen sind überfordert . Tod und Sterben werden vielfach verdrängt, man zeigt seine Gefühle nicht und leidet still in sich hinein. Eine Kultur des Sprechens über Gefühle gibt es nicht, die Selbstmordrate ist erschreckend hoch. „Father Kippes“, wie er in Japan liebevoll genannt wird, fühlte sich dazu aufgerufen, etwas für die seelische Not der Kranken und Angehörigen zu tun und hat deshalb einen Verein gegründet - „Pastoral and Spiritual Care“ (Klinikseelsorge und spirituelle Begleitung) - der professionelle und freiwillige Helfer für diese Arbeit ausbildet. Da er auch ein praktischer Mensch ist, kam er gleich mit einer Gruppe von Interessenten nach Oberharmersbach und schaute sich unsere Arbeit an . Er war begeistert und kommt seither fast jedes Jahr mit einer anderen Gruppe zu einem dreitägigen Seminar zu uns, es waren schon mehr als 200 japanische Gäste bei uns, manche kommen mehrmals. Unser Haus hat inzwischen viele Freunde in Japan . Einladungen nach Japan haben wir schon viele bekommen, aber in diesem Jahr erst konnten meine Frau und ich sie wahrnehmen. Dr. Kippes konnte mich davon überzeugen, dass die Arbeit unseres Hauses, das Haus als Modellprojekt, für andere Menschen eine Leitlinie sein kann und dass es deshalb wichtig ist, dem Wunsch nach Vorträgen darüber nachzugeben. Wenn man tagtäglich seine Arbeit macht, kommt man ja nicht dazu, über solche Dinge nachzudenken, dazu braucht man Distanz und den Spiegel anderer Menschen. Es war ziemlich schwierig , die Fülle von Erfahrungen und Begegnungen in einen knappen, strukturierten und für japanische Menschen nachvollziehbaren Vortrag zu fassen. Zum Glück konnte ich auf die Unterstützung von Herrn Kippes rechnen, der die japanische Mentalität schon seit 52 Jahren aus nächster Nähe erlebt und uns auf der Vortragsreise zwei Wochen lang begleitet und beraten hat. Wir waren ja nicht nur in Tokyo, sondern auch in Kagoshima, Kyoto, Osaka, Hamamatu , Nagasaki, in Universitäten, Krankenpflegeschulen und in zwei Hospizen des Roten Kreuzes. Aber Hospize in Japan gleichen eher einer Krankenhausstation, sind sehr medizinisch und technisch ausgerichtet .Der eher existenzielle Blickwinkel, mit wir hier in den deutschen Hospizen Sterbenden begegnen, und die Schwerpunktsetzung auf die Betreuung und spirituelle Begleitung ist aus japanischer Sicht eher ungewöhnlich. Gerade das aber stieß auf großes Interesse. Die positive Rückmeldung war überwältigend. Oft waren Menschen gekommen, die schon in Oberharmersbach waren, und sie berichteten, wie diese Erfahrung ihr Leben in Japan beeinflusst hat. Eine Psychologie- Professorin, die im vergangenen Jahr ihren Mann verloren hat, der an Krebs gestorben ist, erzählte, wie unser Umgang mit Toten, unsere Abschieds- Rituale ihr lebhaft vor Augen standen und dass sie daraus die Kraft zog, es ähnlich zu machen und die Begleitung ihres Mannes und ihre Trauer so besser bewältigen konnte. Wir waren überwältigt von dieser Resonanz , von der Freundlichkeit der Menschen, der Tiefe mancher Begegnungen und der Schönheit des Landes.“
  Zurückgekehrt ins Haus Maria Frieden, hatte Thile Kerkovius viel zu berichten ,Geschenke und Grüße von lieben Bekannten zu übermitteln, und jetzt war wiederum Japan in vielen schönen Bildern und Erzählungen zu Gast im Harmersbachtal.